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      Date: Mär 11, 2007
     Title: Die Zerrissenheit des Iran
 Die Welt vom 07.03.07

Eine Iran-Strategie für den Westen

 

Der Krieg um den Iran hat begonnen – und kaum jemand hat es bemerkt. Dieser Krieg wird im Iran geführt, und er wird eskalieren.

Das sind die simplen Fakten: Der Iran ist ein Vielvölkerstaat. Nur rund 51% seiner knapp 71 Millionen Bürger sind Perser, 24% Azeris, 7% Kurden, 3% Araber und 2% Balutschen, um nur einige der für den Fortbestand des iranischen „Einheits“staates eher kritischen Völker zu nennen. „Persisch“ als Muttersprache sprechen ungefähr 40 Millionen Iraner.

Immer wieder in der Geschichte, schon lange vor der Iranischen Revolution von 1979 und auch seitdem, wollten Kurden, Azeris, Araber und Balutschen, sich von Persien trennen, weil sich diese Minderheiten nicht mit dem Persertum oder dem extrem schiitischen Islam identifizieren. Der Iran ist innerlich nicht ihr Staat. Sie möchten entweder ihr eigenes Gemeinwesen oder den Anschluss an ihre „Brüder und Schwestern“. Letzteres gilt für die Azeris. Es überrascht nicht wirklich, dass auf der Website des (nach dem Zerfall der Sowjetunion) wieder unabhängigen Staates Azerbajdschan der azerische Teil Nord-Irans als Süd-Azerbajdschan bezeichnet wird. Die Azeris sind, wie die Perser, Schiiten, aber, anders als die Perser, ein Turkvolk. Zwischen „Türken“ und Persern war die islamische Verbundenheit nie innig.

Der kurdische Teil des Iran würde sich lieber gestern als morgen mit dem irakisch Kurdistan sowie am liebsten auch den Kurden der Türkei und Syriens vereinigen.

Die ca. 1,2 Millionen sunnitischen Balutschen im Osten des Iran streben einen Zusammenschluss mit den etwa 4 Millionen Balutschen Pakistans an. Was verbindet sie mit den schiitischen Fanatikern Persiens, die einem anderen Volk angehören?

Die Bevölkerung im Südwesten des Iran ist schiitisch, aber sie ist arabisch, und die Rivalität zwischen Arabern und Persern ist uralt. Der arabisch-persische Gegensatz ist trotz der schiitischen Gemeinsamkeit so stark, dass Saddam Hussein noch 1980 meinte, die iranischen Araber würden seine Invasionsarmee als „Befreier“ begrüßen und von innen den irakischen Sieg unterstützen. Es kam anders, Teherans innenpolitischer Terror und militärischer Widerstand waren stärker als erwartet. Der Iran zündelt jetzt umgekehrt im Iran, indem er dort die arabischen Schiiten gegen irakische Sunniten und die USA aufstachelt. Kann er sicher sein, dass sich die arabisch-schiitischen Gewehrläufe nicht eines Tages gegen Teheran richten? Mitnichten.

Seit 1979 hat es in iranisch Kurdistan und in Balutschisten immer wieder Kämpfe gegeben, zuletzt, und heftiger als zuvor, im Februar und März dieses Jahres. Hat also der Bürgerkrieg schon begonnen?

Natürlich hat Teheran sofort die USA und Israel bezichtigt, die Drähte gezogen zu haben. Das ist nicht unwahrscheinlich, denn noch aus den Zeiten des Schah haben Jerusalem und Washington vorzügliche Beziehungen zu verschiedenen iranischen Gruppierungen und Volksgruppen. Israel hat zudem besonders in ländlichen Gebieten, zum Beispiel im Kurdengebiet, vorzügliche Entwicklungsarbeit auf dem landwirtschaftlichen Sektor geleistet und war beliebt. Sowohl die USA als auch Israel beherbergen eine große, gebildete bürgerlich-iranische Diaspora, die zu Freunden und Verwandten in der Heimat nach wie vor Beziehungen pflegen. Ganz abgesehen davon arbeitet der altneue Staat Azerbajdschan mit den USA zusammen, und zu Israel hat dieser schiitische Staat diplomatische Beziehungen. Das ist der Stoff, aus dem azerische Unzufriedenheit im Iran von außen geschürt werden kann.

Der iranische Spaltpilz ist nicht nuklear-militärisch, er ist innenpolitisch. Der Iran kann noch so viele Atombomben bauen, sie werden ihn nicht schützen, denn von außen, den USA und Israel, droht Teheran keine Gefahr. Der Iran ist von innen gefährdet.

Diese innenpolitische Labilität könnte – und sollte (geheimdienstlich verdeckt, versteht sich) - der Hebel westlicher Iran-Politik unterhalb des eigenen militärischen Eingreifens sein.

Die meisten westlichen Staaten werden sich auch dabei natürlich nicht die „Finger schmutzig machen“. Für die USA und Israel dürfte diese Vorgehensweise nicht nur existentiell, sondern geradezu „charmant“ sein. Indem sie den Iran schwächt, gegebenenfalls auflöst, wird die außenpolitisch-nukelare Gefahr durch den Iran verringert. Sie ermöglicht, ebenfalls ohne eigenes direktes Eingreifen, Sabotageakte gegen militärische, gegebenenfalls sogar Teile der nukleartechnologischen Anlagen. Diese würden dabei nicht zerstört, doch ihr Auf- und Ausbau verzögert und erschwert. Jener Destabilisierungshebel zielt nicht zuletzt aufs Recht nach nationaler, kultureller und religiöser Freiheit der vom persischen Mullahregime unterdrückten Völker. Wer will diesen Völkern das Recht auf Selbstbestimmung verweigern?

Vielleicht kommt Teheran auf diese Weise rechtzeitig zur Vernunft. Der Verzicht auf die Atombombe sowie die Überwindung zentralistisch-persischer zugunsten bundesstaatlicher Rahmenbedingungen läge im Eigeninteresse Teherans. Nur so könnte es die unzufriedenen Minderheiten an den iranischen Staat innerlich binden. So gesehen, würden die USA und Israel die Retter des iranischen Staates sein.

Chameini und Achmedinejad sehen das anders. Deshalb könnte der Völkerkrieg im Iran bald eskalieren.