Ein Pädagoge über "Wir waren Glückskinder – trotz allem"

"Wäre ich heute noch im Schuldienst und unterrichtete eine 7. oder 8. Klasse in Deutsch, dann wählte ich dieses Buch als Klassenlektüre."

Schreiben an das Jüdische Museum in Rendsburg

13. Juni 2021

Sehr geehrter Herr Kuhn,

aus den Husumer Nachrichten erfuhr ich vom Besuch der Bildungsministerin Prien im Jüdischen Museum Rendsburg. Wenige Tage zuvor hatte ich das neue Buch von Michael Wolffsohn zu Ende gelesen und war begeistert.

Es geht um die Familien des Erzählers väterlicher- und mütterlicherseits, Personen also, die dem jungen Leser aus seiner eigenen Familie wohl bekannt sind. Das erleichtert ihm vom ersten Satz an, Bezüge zur eigenen Familie herzustellen und zu vergleichen. Total anders aber, so spürt er schnell, sind die Umstände, unter denen die Familien mit dem aufkommenden Nationalsozialismus für ihr Leben gravierende Entscheidungen treffen müssen.

Welche Entscheidungen werden sie treffen? Werden sie sich retten? Schaffen sie es, ein zweites Leben zu beginnen? Das sind sicher Fragen, die sich die jungen Leute stellen. Und während sie gespannt lesen, wofür sich  die Wolffsohns und Saalheimers entscheiden, erfahren sie ganz beiläufig Dinge, die sie in den Sachfächern eher gleichgültig zur Kenntnis nehmen würden: Zum Beispiel über

    •    die Geschichte des Dritten Reichs und Britisch-Palästina, des Vorderen Orients.
    •    Politik: Wahlen heute und damals, die Verfassungsorgane, Rolle der Polizei heute und unter den Nazis, die Justiz damals, kurz nach dem Krieg und heute.
    •    die Wirtschaft: Was sind Steuern? Wirtschaftliche Entwicklung Britisch-Palästinas.
    •    Gesundheit: Wohnblocks mit Hinterhöfen in Berlin; Rachitis
    •    Religion: Juden, Christen, Muslime; Chanukka und Weihnachten, Pessach und Ostern

Keine Erklärung überfordert den jugendlichen Leser. Schwierige Sachverhalte werden vereinfacht, ohne banalisiert zu werden. Sachzusammenhänge werden auf das Notwendige beschränkt.

Auch die Sprache übersteigt nicht die Kompetenz, die ein 12 bis 15-Jähriger besitzen sollte. Sie bietet aber Vokabeln, Redensarten, Idiomatik, Metaphern, die die Sprachkompetenz bereichern, wie z.B. „sündhaft teuer“, piekfeine Dame“, „restliches Geld zusammenkratzen“ und „als wehrloses Lamm zur Schlachtbank“ und vieles mehr.

Hochsprachliches steht neben Umgangssprachlichem und es stört nicht, im Gegenteil.

Ansprechend empfinde ich, wie Überleitungen zum nächsten Kapitel neue Spannung aufbauen: "Wie das kam, darum geht es im nächsten Kapitel".

Der Text schließt im Heute. Jüngste Attentatsversuche auf Synagogen, wie in Halle geschehen, verbale Übergriffe antisemitischen Inhalts in sozialen Netzwerken und in der Politik werden thematisiert. Nach der Lektüre das Buch einfach in Regal stellen, wird nicht funktionieren. Denn dieses Jugendbuch hat einen beeindruckend appellativen Charakter. Der Autor spricht die jungen Leser persönlich an. "Mach Dir Deine eigenen Gedanken! Wie hättest Du reagiert? Es kommt auf jeden an, es kommt auf Dich an!"

Wäre ich heute noch im Schuldienst und unterrichtete eine 7. oder 8. Klasse in Deutsch, dann wählte ich dieses Buch als Klassenlektüre und würde die Kollegen der Fächer Geschichte, Religion und Geographie mit ins Boot holen. Denn es bietet sich für den fächerübergreifenden bzw. fächerintegrierenden Unterricht geradezu an.

Ich bin der Auffassung, dass dieses Buch sehr geeignet ist, Aufklärungsarbeit im Rahmen der Schulcurricula zu leisten: Gegen die Unkenntnis unserer jüngeren Geschichte, gegen Indoktrination, gegen Intoleranz.

Ich würde mich freuen, wenn Sie das Buch der Ministerin empfehlen könnten. Dank Ihrer Kontakte wird man dort sicher ein offenes Ohr haben.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Baier

---

Der Briefautor Wolfgang Baier ist Germanist, Oberstudiendirektor i.R. und leitete unter anderem die deutschen Schulen in Bogota und La Paz.

Der Briefempfänger Jonas Kuhn ist Kurator und Leiter des Jüdischen Museums (Landesmuseen Schleswig-Holstein).

 

Zum Seitenanfang